Succubus

März 19th, 2009 at 17:44 (Geschreibsel)

Ich beschleunige meine Schritte sobald sich die, aus dem U-Bahnschacht strömende Menge vor mir lichtet. Ich werfe einen Blick auf die Uhr und fluche. Schon wieder zu spät dran. Nicht, dass die Leute das nicht von mir gewöhnt wären, im Gegenteil. Jeder wäre erstaunt, käme ich einmal pünktlich. Aber gerade das macht mich so ärgerlich. Die Sonne lugt plötzlich hinter den, seit Tagen über der Stadt hängenden Wolken hervor und taucht die Einkaufsstraße in ihr goldenes Nachmittagslicht. Meine Laune kann sie jedoch nicht aufhellen. Schließlich habe ich noch alles vor mir. Alles, was mir am unangenehmsten ist. Ich mein, er ist ja nett und ich kann ihn gut leiden, unternehme gerne Sachen mit ihm. Aber nicht unter diesen Umständen. Als ich mich dem kleinen Café in der Nebenstraße nähere, kann ich ihn schon am Tisch in der Fensternische sehen. Er lächelt mir entgegen. Ich zwinge meine Mundwinkel dazu, sich ebenfalls zu einem Lächeln zu formen und betrete das Lokal.

„Hi.“

„Hey!“

Ich ziehe den Stuhl ihm gegenüber zurück, lasse meine Tasche darauf fallen und wähle für mich so einen Platz, dass ich ihn nicht die ganze Zeit angucken muss.

„Na, wie geht’s dir? Wie war deine Woche?“

Wie soll es mir schon gehen? Viel mehr interessiert mich, wie es ihm nach meiner Mail von vorgestern geht. Nicht so gut, denke ich.

„Ach, ganz gut. Und selbst?“

„Ja, mir auch“

Er hat noch nicht bestellt. Ich winke die Kellnerin zu.

„Einen Moccachino bitte.“

„Für mich das selbe.“

So geht das immer. Ich bestelle zuerst, er nimmt das selbe. Ich seufze leise. Dann Schweigen. Während ich zu ihm hinüber schaue fällt mir wieder auf, wie verletzlich er wirkt und ich wünsche mir, dass er wenigstens heute sagt, was er denkt. Nicht wieder dieser ewige Smalltalk und dann die sehr persönliche Mail am gleichen Abend. Dann kommen die Getränke.

„Du wolltest mit mir reden.“ Keine Frage, eine Feststellung. Warum muss immer ich anfangen?

„Jaaaa….“ Er druckst ein wenig herum, „du hast geschrieben, dass du Angst hast…“

Stimmt. Angst davor, ihn zu verletzten. So sehr, dass er sich von der nächsten Brücke schmeißt. Man kann ja nie wissen.

„Weißt du, ich habe auch Angst…“ Er macht schon wieder eine Pause. Auch Angst?!? Wieso denn auch? Ach ja. Die Mail fällt mir wieder ein. „Wenn du schreibst, dass du mich gerne ‘kuschelnd wärmen’ würdest oder von mir geträumt hast macht mir das Angst. Angst, dich zu verletzten weil ich dir deine Wünsche nicht erfüllen kann.“ Das war etwa mein Wortlaut. Ok, er hat also auch Angst.

„…Beziehung, heiraten, Familie, das sind große Wörter, aber wir schaffen das bestimmt mit unseren Familien im Hintergrund…“

Mir läuft ein Schauder über den Rücken und ich bekomme Kopfschmerzen. Heiraten, Familie??? Mein Bester, du hast mir noch nicht einmal gesagt, dass du mich liebst, nur subtile Andeutungen in deinen Mails haben mir das Bedürfnis gegeben, die Sache einmal klar zu stellen. Bevor es zu spät ist und sich einer von beiden total in etwas verrennt (und dieser Eine bin nicht ich!).

„…na ja, und wir haben ja auch keine Eile, mein Angebot: erst mal eine Freundschaft aus der sich dann langsam eine Beziehung entwickelt.“

Bisher hat er auf seinen Moccachino gestarrt und den Schaum mit dem Löffel wieder und wieder glatt gestrichen. Jetzt schaut er auf und guckt mich an. Oder eher gesagt, schaut knapp an einem rechten Ohr vorbei. Das macht er fast immer, selten trifft man seinen Blick. Ich starre ihn an. Bin sprachlos und frage mich, was an der Formulierung „ich glaube nicht, dass ich dir das geben kann, was du gerne möchtest und dir vielleicht erhoffen magst“ wie „momentan bin ich nicht für eine Beziehung bereit aber wenn du nur ein wenig Zeit verstreichen lässt wird sich das ändern.“ klingt. Vielleicht habe ich mich in meinem Bemühen, ihn nicht zu verletzten doch zu vorsichtig ausgedrückt. Ich räuspere mich, versuche Worte zu finden.

„Ähm…“

Ich bin völlig verwirrt. Jetzt würde mich nicht wundern, wenn er gleich sagte, er habe schon mal einen Termin beim Standesamt gemacht. Ob ich gleich mitkäme, um seine Eltern kennen zu lernen. Und fragte, ob ich mir denn schon einen Trauzeugen ausgesucht habe.

Jetzt trifft mich doch sein Blick direkt. Ein Blick, der mich wünschen lässt auf zuspringen, zu ihm zu laufen und ihn zu umarmen. Um ihn vor der großen bösen Welt zu beschützen. Und das ist auch mein Problem. Ich bin einfach zu nett. Freundlich, charmant, mit lauter kleinen Fehlern, die ich mit einem Lächeln abtue, was mich offensichtlich noch sympathischer macht.

Er schaut mich immer noch fragend an. Aber ich traue mich nicht, seinem Blick zu begegnen. Ich lasse eine Reihe gebrochener Herzen hinter mir. Warum kann ich mich nicht bei den Männern, die mich wirklich interessieren so offen geben? Ich bin ein Succubus. Ein Nachtmar. Eine hinreißende Vampiergestalt, die den Männern den Kopf verdreht, sie in ihr Bett zerrt und eine heiße Nacht mit ihnen verbringt. Nur dass diese das nicht überleben. Wenn sie ihren Spaß gehabt hat beißt sie unbarmherzig in ihre Hälse um ihren Durst zu stillen. Spürt, wie das Blut ihre Lippen berührt, kostet den süßen, leicht metallischen Geschmack, fährt sich genießerisch mit der Zunge über die Lippen. Er wehrt sich nicht und sie streicht noch einmal zärtlich mit der Hand über seine Brust bevor sie langsam das Leben aus ihm heraus heraus saugt…

Ich springe auf, greife meine Sachen.

„Ich muss gehen, mir ist schlecht.“

Und verlasse fluchtartig den Ort des Geschehens.

6 Kommentare

  1. Julian said,

    März 20, 2009 at 13:18

    Hehe. Nicht schlecht! Auch wenn man den ersten Teil aufgrund des dunklen Hintergrundes kaum lesen kann…

  2. Lady Alanna said,

    März 20, 2009 at 13:38

    Danke. Mensch, dass du dich nicht von der Länge hast abschrecken lassen!

    Ja, das Design ist noch nicht ganz ausgereift, aber gegen halb sechs hatte ich dann doch keine Lust mehr weiter zu machen. Aber immerhin funktioniert das get-recent-comments-plugin wieder – mit besonderem Gruß an dich :)

  3. Julian said,

    März 20, 2009 at 16:38

    Vielen Dank! ;-)
    Ich saß gerade in der UB und wollte mich vom Arbeiten abhalten… ;-)

  4. Julian said,

    April 10, 2009 at 17:33

    Moin!
    Wie sieht es den mal mit einer Fortsetzung dieses Werkes aus? Würde ich ja schon gerne lesen…

    Grüße!

  5. SanneK1 said,

    April 20, 2009 at 20:33

    Ja, will auch mehr lesen!

  6. Julian said,

    Mai 18, 2009 at 16:43

    Aber irgendwie werden unsere Bitten hier nicht erhört…

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